Länger leben
- länger lieben
Wir werden
immer älter - und tun immer mehr, um lange jung zu wirken. Der neue
Körperkult erotisiert den Alltag
Ob 15 oder
65, die weiblichen Fans warfen ihre BHs auf die Bühne: Die Rolling
Stones waren, 41 Jahre nach ihrer Bandgründung, noch einmal auf Tour.
Viele Konzertkritiker der "Hot Licks"-Show zeigten sich erstaunt,
beinahe besorgt, daß Mick Jagger, Jahrgang 1943, in seinem Alter
noch eine zweistündige Bühnenshow absolvieren kann. In der Münchner
"Abendzeitung" hieß es dazu bewundernd: "Der 60jährige
läuft und marschiert über die Bühne, wie fast niemand sonst
in seinem Alter dazu in der Lage ist."
Welche Unterschätzung!
Wir werden länger leben, aber wissen noch nicht wie.
Die Bevölkerung
in Deutschland wird in den nächsten zehn Jahren um drei Millionen
schrumpfen. Zugleich wird sich das Verhältnis zwischen jungen und
alten Menschen in den nächsten zehn Jahren umkehren. Es wird eine
Mehrheit von 49 Millionen Menschen über 40 Jahren geben, denen nur
noch 29 Millionen Bürger bis 39 Jahren gegenüberstehen. Jugendliche
werden die Minderheit von morgen sein und dies auch übermorgen bleiben.
Die neuen Alten werden die Werte von morgen bestimmen - und das Alter
neu definieren. Alt sind danach immer nur die anderen.
Die Formel
für das gefühlte Alter lautet: Geburtsdatum minus fünfzehn
Jahre. Die Fünfzigjährigen sind die neuen Fünfunddreißigjährigen.
Während die jungen Erwachsenen ihre Quarterlife-Crisis bewältigen
müssen, beschäftigt die neuen Alten eine zweite Pubertät.
Wir werden länger lieben als jemals Menschen vor uns.
Das Idealbild
des Erwachsenen wird zur Pflicht, seine jugendliche Schönheit wird
zur Kür. Lebenslange ästhetische Performance bestimmt die soziale
Anerkennung. Wer sexy bleibt, wird belohnt.
Das Alter
wird zunehmend als Krankheit angesehen, ein Nachlassen der Lebenskräfte
bekämpft: Allein das Potenzmittel Viagra konnte 2004 einen weltweiten
Jahresumsatz von über einer Milliarde US-Dollar erwirtschaften.
Babyboomer,
die heute 40- bis 60jährigen, sind dabei, sich auf eine permanente
Erotisierung des Alltags einzurichten. Sie reisen gern, sie gehen gern
aus, sie konsumieren gern, sie treiben Sport - und sie haben Sex. Ihr
neues Lebensgefühl heißt Silver Sex.
Sophia Loren,
immerhin schon 78 Jahre, gewährt öffentlich immer noch tiefe
Einblicke in ihr Dekolleté. Uschi Glas, 61, posierte als Bikinimodel
im Magazin "Max", und die Popsängerin Cher, 58, hat zu
ihrem 60. Geburtstag angekündigt, daß sie sich nackt in einem
Männermagazin verewigen will. Sie hat übrigens nie einen Hehl
daraus gemacht, daß sie ihr Aussehen vielfältigen operativen
Verbesserungen verdankt.
Die Älteren
rund um den Globus entdecken ihre Fähigkeit, sich selbst zu vermarkten.
Die Lust, sich öffentlich zur Schau zu stellen und bewerten zu lassen,
steigt. In Amerika kämpft man im Tennisturnier "Granddad Slam"
um den Sieg, in China lassen sich die neuen Alten im Wettbewerb "Pekings
schönster Senior, Pekings schönste Seniorin" auszeichnen,
und in Deutschland stellten sich 2004 zum erstenmal über 400 Frauen
zwischen 49 und 79 Jahren bei der Miss-Senioren-Wahl der Jury. Das Interesse
der Öffentlichkeit war überwältigend.
Spätestens
wenn jugendliches Aussehen zur Ausnahme und reifere Gesichter und Körper
zur Norm werden, wird "natürliche Künstlichkeit" zum
Schönheitsideal. Wer natürlich alt aussieht, wird leiden müssen.
Babyboomer
setzen Sex mit Freiheit gleich. Die Befreiung der Frau aus der traditionellen
Mutterrolle durch die Antibabypille brachte einen Wertewechsel mit sich.
Liebe und Sexualität wurden nicht mehr als Einheit verstanden. "Mein
Bauch gehört mir" war die radikalste Parole der neuen sexuellen
Freiheit. Sex wurde zum Glücksspiel, das nach immer neuen Einsätzen
verlangte. Aus den Ehepartnern wurden Lebensabschnittsbegleiter.
Das liegt
auch am neuen Selbstverständnis der Frauen. Die weiblichen Mitglieder
der neuen Alten haben die sexuelle Befreiung in der Emanzipationsbewegung
erkämpft. Sie sind inzwischen auch weitgehend wirtschaftlich unabhängig
geworden. Sie waren die erste weibliche Generation, die Berufskarrieren
planen und verwirklichen konnte.
Sie haben
den Zeitpunkt der Familienplanung nach hinten verschoben. Sie heiraten
sechs Jahre später. Die Schwangerschaft erfolgt selbstbestimmt, wenn
überhaupt, erst sieben Jahre später als noch vor zwanzig Jahren.
Frauen der
Babyboomer-Generation sind in ihrem Sexualleben anspruchsvoller und offensiver
geworden. Das belegen die aktuellen öffentlichen Selbstbekenntnisse
von Frauen auf die medienwirksame Unterstellung von Udo Jürgens,
70: "Ab 40 ist bei Frauen Schluß mit Sex."
Waren es
in der Vergangenheit vor allem die weiblichen Sexualpartner, die mit zunehmendem
Lebensalter Abstand von der körperlichen Liebe nahmen, wird sich
dieses Mißverhältnis in Zukunft umkehren. Frauen haben viel
weniger als Männer mit einer körperlichen Dysfunktionalität
beim Sex zu kämpfen. Gleichzeitig legen sie enorm an Selbstbewußtsein
und Selbstbestimmtheit zu. So werden es in Zukunft die Männer sein,
die für die Probleme beim Sex im Alter verantwortlich sind.
Jetzt haben
diese Frauen begonnen, neue Ansprüche an ihr eigenes Auftreten und
Aussehen im Alter zu stellen. Die Vorhut einer zweiten Emanzipationsbewegung,
die diesmal das Alter neu strukturieren wird, ist auf dem Weg.
Medienheldinnen,
wie die Schauspielerin Demi Moore, 43, legen ihre neuen Maßstäbe
auch an ihren gleichaltrigen Partner an. Frau Moore hat ihren gealterten
Ehemann Bruce Willis, 50, gegen den jüngeren Ashton Kutcher, 27,
eingetauscht.
Frauen treiben
den Paradigmenwechsel voran. Früher brauchte "Mann" nicht
an sich selbst zu arbeiten, sondern stellte die eigene Jugendlichkeit
durch die Wahl einer immer jüngeren Partnerin unter Beweis. Heute
gilt: Nicht das Altwerden ist das Problem, sondern daß man nichts
dafür tut, sich jung, fit und sexy zu fühlen. Männer müssen
die Sexyness der Frauen erst lernen.
Natürlich
kann oder will sich nicht jeder private Trainer, Modeberater und plastische
Chirurgen leisten. Doch auch einfachere Maßnahmen führen zum
Erfolg. So verzeichnen Spas, Wellness- und Schönheitssalons starke
Zuwachsraten bei den Männern. Wenn selbst Arnold Schwarzenegger,
der "Governator" von Kalifornien und "Girlie Man"-Verächter,
seine Füße mit professioneller Pediküre pflegen läßt,
dann werden Männer im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig.
"Man
kann 30 Jahre lang wie 40 aussehen" wird zur neuen Maxime. Die jüngeren
Mitglieder der Babyboomer-Generation denken gar nicht mehr daran, sich
in der Blüte ihrer Jahre aus dem Leben zurückzuziehen. Vielmehr
zeigt sich, daß auch schon die heute 50- bis Mitte 60jährigen
von Selbstbewußtsein und Lebensfreude geprägt sind.
Liebe wird
morgen ökonomisch definiert. Es geht um Optimierung, Effizienz -
und um mehr Liebe. Serielle Monogamie mit und ohne Kinder bestimmt die
Logik der Gefühle. Die jährlich um zwei Prozent wachsenden Scheidungsraten
belegen dies.
Anlageberater
erinnern Eheleute beim Kauf einer Immobilie daran, die Trennungsvereinbarung
nicht zu vergessen. Liebe wird kalkulierbar.
Und selbst
wenn es nicht soweit her ist mit der eigenen perfekten Körperlichkeit
- die Industrie sorgt auch hier für bequeme Lösungen. So sind
es längst nicht mehr nur die über 70jährigen, die etwa
von der Lifestyle-Pharmabranche umworben werden. Eine Erkenntnis wie diese,
daß schon knapp 40 Prozent der erst 40jährigen Männer
mit leichten bis kompletten Erektionsstörungen zu kämpfen haben,
wie der Bayer-Konzern vor Einführung seines Viagra-Konkurrenz-Produktes
Levitra kommunizierte, konzentrieren den Fokus der öffentlichen Betrachtung
auf die lebenslustigen Alten von morgen.
Das steht
durchaus im Einklang mit der bisherigen Entwicklung einer immer sexualisierteren
Gesellschaft. Wenn die Bettgeschichten aus den prominenten Schlafzimmern
der Republik die Titelseiten füllen, "Zuhälterprogramme"
die nächtlichen Fernsehsendungen bestimmen oder Marketing und Medien
auf demonstrative Sexualität und natürliche Künstlichkeit
der Models setzen, dann ist die Wirkung bei den neuen Alten absehbar.
Wer sich zeitlebens über ein genußvolles Sexualleben freute,
wird damit im Alter nicht aufhören wollen.
Die Babyboomer
sind alle erfahrener und reifer geworden - wie ihre Idole. Michele Pfeiffer
ist Jahrgang 1958, Kathleen Turner Jahrgang 1954. Diane Keaton und Susan
Sarandon sind beide Jahrgang 1946. Goldie Hawn ist noch ein Jahr älter,
Tina Turner wurde 1939 geboren. David Bowie, "The Thin White Duke",
ist Jahrgang 1947, seine Frau Iman Jahrgang 1955. Mick Jagger ist Jahrgang
1943.
Jagger,
Nicholson, Turner und Loren sind alle über sechzig und dennoch Sex-Symbole
für Generationen. Die Babyboomer versuchen heute, genauso fit und
sexy zu sein wie ihre Idole.
Und mit
Viagra bewaffnet - wie Jack Nicholson im Film "Was das Herz begehrt"
-, können sie mit 60 alles, was ein 45jähriger kann. Sie leben
dabei oftmals besser und gesünder, auf jeden Fall aber mit mehr Sex-Appeal
als alle Generationen vor ihnen.
-Peter Wippermann ist Gründer des Trendbüros in Hamburg und
Professor für Kommunikationsdesign an der Gesamthochschule
Essen Folkwang
Peter Wippermann